Projekt Prof. Dr. Thorsten Burkard

Prof. Dr. Thorsten Burkard:

"Diastratische (Laien-)Normierung im antiken Latein"

 

Den theoretischen Aussagen lateinischsprachiger Autoren (in erster Linie der Grammatiker) zu ihrer Muttersprache liegt, grob gesagt, die Vorstellung zweier Sprachebenen zugrunde: Es existiert ein Standardlatein und ein vor allem diastratisch davon zu unterscheidendes sogenanntes Vulgär- oder Umgangslatein. In der bisherigen Forschung wurden vor allem die objektiven sprachlichen Unterschiede zwischen Standard- und Umgangssprache behandelt. Ausgeblendet wurde dagegen weitgehend die Fragestellung, wie Laien über ihre eigene Sprache denken, Sprachphänomene beschreiben und Normen konstituieren. Da sich nun in der Antike aus unserer heutigen Sicht ausschließlich Laien über das Griechische bzw. das Lateinische äußern, eröffnet sich hier ein breites Tätigkeitsfeld, um ein sprachwissenschaftliches System nachzuzeichnen, das sich von dem unsrigen deutlich unterscheidet, zumal der Reichtum der umfangreichen lateinischen Traktate aus der Spätantike nicht einmal annähernd ausgeschöpft ist. Untersuchungsgegenstand des Projekts wären die Kriterien und Kategorien vor allem des normativen Sprachverständnisses der antiken Grammatiker (also der Laien im weiteren Sinne) und anderer Autoren (also der eigentlichen Laien). Es ginge nicht darum, die Aussagen der antiken Autoren mit der Sprachwirklichkeit (oder gar unseren Kategorien) zu vergleichen, wie es zumeist geschieht, sondern ihre grammatikalische mental map (im metaphorischen Sinn) zu skizzieren, insbesondere hinsichtlich normierender Aussagen und deren Begründungen. Betroffen wären dabei die Gebiete Morphologie, Lexik und Syntax.