Projekt Prof. Dr. Markus Hundt

Prof. Dr. Markus Hundt:

"Alltagsdialektologie im deutschsprachigen Raum"

 

1. Das Projekt

Der deutsche Sprachraum aus der Sicht linguistischer Laien – wahrnehmungsdialektologische Grundlagenforschung und die Rekonstruktion von Laienkonzeptualisierungen zur deutschen Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

 

Im Projekt werden die laienlinguistischen Konzeptualisierungen zur deutschen Sprache untersucht. Dazu werden in Deutschland, Österreich und der Schweiz (40 Erhebungsorte) jeweils 10 Probanden befragt, in dessen Folge ein Korpus von sprachlichen und metasprachlichen Daten von 400 Gewährspersonen zur Verfügung stehen wird.

Gegenstand sind die linguistischen, geographischen, sozialen, kognitiven und gegebenenfalls visualisierten Raumkonzeptionen von Dialekten des Deutschen aus der Sicht linguistischer Laien.

Dies betrifft

a) die sprachlichen und nichtsprachlichen Merkmale, die die Probanden mit den Dialekten und deren Sprecher assoziieren und perzipieren,

b) die subjektive räumliche Verteilung der deutschen Dialekte (mental maps),

c) die Einstellungen zu den deutschen Dialekten (Auto- und Heterostereotype),

d) die Einschätzung der jeweiligen Dialekte in Bezug auf deren Abstand zum hypostasierten „Hochdeutsch“ (Standardsprache) sowie die Salienz sprachlicher Merkmale und schließlich

e) die Ermittlung der Konsequenzen von laienlinguistischen Konzeptualisierungen für den Sprachwandel (ongoing change) und für die Genese subsistenter Sprachnormen.

 

2. Forschung

2.1 Stand der Forschung

In der deutschsprachigen Dialektologie herrscht weitgehende Einigkeit darüber, dass ein regionalspezifischer Sprachgebrauch und das Wissen über areale und kommunikative Reichweiten regionaler Sprechweisen wesentlich zur Identifikation der Sprecher beitragen (z.B. Ziegler 1996, Barden/ Großkopf 1998). Man muss jedoch nicht so weit wie Löffler (1998: 78) gehen, der Dialekten die Funktion von „Orientierungshilfen, Identitätssymbole[n] für die drohende Verlorenheit im weitem Europa“ zuspricht, wenn auf die Bedeutung laienlinguistischer Konzeptualisierungen von regionalem Sprachgebrauch in der deutschsprachigen Dialektologie des 21. Jahrhunderts hingewiesen werden soll.

Die Frage, wie Laien über Sprache und ihre regionalen Besonderheiten denken, wurde in der Variationslinguistik lange Zeit als irrelevant zurückgewiesen. Erst mit der allmählichen Etablierung „subjektiver Daten“ (Mattheier 1994: 420) im Kontext einer Hörerdialektologie (Herrgen/ Schmidt 1985: 35) oder Sprecherdialektologie (Löffler 1986: 239) gewannen wahrnehmungsdialektologische Herangehensweisen zunehmend an Relevanz, jedoch ohne dass Laienwissen als das subjektive Format der Konzeptualisierung theoretisch begründet, authentisch beschrieben und adäquat analysiert worden wäre. Einzige Ausnahme bildet hier die frühe Anregung Mattheiers (1985: 47), der neben einer Dialektologie der Dialektologen eine Dialektologie der Dialektsprecher vorschlägt, in der der „Komplex von alltäglichen Wissensbeständen über das Phänomen Dialekt“ thematisiert wird. Diese noch etwas vorsichtig vorgetragene Fragestellung wurde etwas später von Christen (1998) und Berthele (2006) für schweizerdeutsche Varietäten im Hinblick auf die Unterscheidung von Wissensbeständen linguistischer Experten und Laien konkretisiert, in dem die Wissensstrukturen jeweils als wissenschaftliche bzw. natürliche Kategorien beschrieben wurden.

Dennoch muss derzeit noch von einem erheblichen Forschungsdesiderat gesprochen werden, da bisher, auch im Bereich der Dialektsoziologie, noch immer offen blieb, welche Wissenskonzepte hinter Dialekt- bzw. Sprecherbewertungen stecken, welcher Art das Verhältnis von linguistischen Variablen wie regionaltypischen Dialektmerkmalen und Stereotypisierungen ist und inwiefern das Vorhandensein stereotypauslösender sprachlicher Merkmale angenommen werden kann.

Durch die Fokussierung auf intersubjektive Wissensstrukturen seit der „kognitiven Wende“ in der Psychologie ist es möglich, auf fundierte theoriegeleitete und hypothesengeprüfte Methoden aus den zahlreichen Nachbardisziplinen, wie z. B. der Wahrnehmungs-psychologie, der Wahrnehmungsgeografie, der Kognitiven Anthropologie oder auch der Kulturanthropologie zurückzugreifen. Entsprechende Studien, in denen Methoden dieser Nachbardisziplinen erprobt wurden, sind derzeit für den deutschen Sprachraum nur sehr vereinzelt zu finden, entweder im Hinblick auf die prototypische Strukturierung des Dialektwissens linguistischer Laien in Christen (1998) oder in Bezug auf die grafisch reproduzierbaren arealen Vorstellungsbilder von Dialekt- oder Sprachlandschaften als subjektive Dialektkarten (mental maps) wie in Dailey-O’Cain (1999), Hofer (2002), Auer (2004), Berthele (2006), Anders (2008a), Anders (2008b), Kehrein/Lameli/Purschke (2008), Hundt/Anders (i. E.).

In jeder Hinsicht umfangreicher und weitaus etablierter gestaltet sich hingegen die Forschungslage im internationalen Vergleich, die besonders in den vergangenen 25 Jahren durch die zahlreichen Untersuchungen von Dennis R. Preston maßgeblich geprägt wurde. In Bezug auf die Dialektgeographie, Sprachnormen, Spracheinstellungen und gesprochenes American English erweitert Preston den Skopus der in der niederländischen und japanischen stark linguistisch geprägten perceptual dialectology auf Fragen der laienlinguistischen Raumvorstellungen und damit verbundenen Stereotypisierungen. Damit gelingt es ihm, die perceptual dialectology auch interdisziplinär zu etablieren, da wesentliche Aspekte aus der Kultur-, Sozial- und Wahrnehmungsgeographie, in denen das Verhältnis vom Raum und vom Menschen thematisiert wird, für Erklärungen räumlicher Konzeptualisierungen in Bezug auf Sprache herangezogen werden können. Für die Darstellung der subjektiven Dialektareale übernimmt Preston das in der Wahrnehmungsgeographie angewandte Konzept der kognitiven Raumbilder (mental maps), ausgehend von der Prämisse, dass Menschen auf der Grundlage eigener Kenntnisse, Erfahrungen, Eindrücke und Vorlieben bestimmte “Bilder” von Orten entwickeln. Diese subjektiven Raumvorstellungen können auch als die kognitive Dimension des Raums beschrieben und von der absoluten und der relativen Dimension unterschieden werden, in denen mehr die topologische Strukturierung des Raumes sowie sozioökonomische Aspekte im Mittelpunkt der Betrachtung stehen (vgl. Knox/ Marston 2001: 44).

Allen bisher erschienenen wahrnehmungsdialektologischen Untersuchungen mangelt es jedoch an einer plausiblen theoretischen Fundierung, sodass bis heute sämtliche wissensbezogene Ansätze in der Sprachraumforschung theoretisch und damit methodisch hinterfragt werden müssen. So ging bspw. aus keiner dieser Untersuchungen deutlich hervor, was unter dem Terminus Wahrnehmung zu verstehen sei. Erste ausführliche Überlegungen zu einer solchen theoretischen Fundierung lieferte Anders (2008b), die im beantragten Projekt aufgegriffen und ausgebaut werden sollen.

Durch die theoriegeleitete methodische Trennung von Experten- und Laienwissen könnten darüber hinaus zukünftig nicht nur authentischere Aussagen über die Beschaffenheit der sprachlichen Varietätenwelt(en) linguistischer Laien getroffen werden. Vor dem Hintergrund einer „neuen Sprachdynamiktheorie“ (Herrgen / Schmidt i. E.), in der die Kognition als eine die „Sprachdynamik konstituierende Dimension“ verstanden wird (Herrgen 2006: 119), würde zudem die Substandardforschung durch Vergleiche von kognitiven Daten des laienlinguistischen Sprechlagenbewusstseins mit expertenlinguistischen Sprechlagenspektren zu einer erheblich gesteigerten Qualität, auch im Hinblick auf den internationalen Vergleich etwaiger Forschungen, gelangen.

Das beantragte Projekt möchte zudem einen Beitrag leisten im Hinblick auf die Belegungsdichte der erhobenen subjektiven Daten (40 Orte á 10 Tiefeninterviews), die derart in noch keinem der bisher durchgeführten Untersuchungen zur laienlinguistischen Wahrnehmung des deutschen Sprachraums zu finden ist. Aus den gewonnenen Daten könnte erstmals in Kombination qualitativer mit quantitativen Analysekriterien eine umfassende Bestandsaufnahme des Laienwissens über die deutsche Sprache und ihre regionalen Erscheinungsformen abgeleitet werden. Darüber hinaus stünde ein entsprechend aufbereitetes Korpus für weitere Forschungsfragen zur Verfügung.

 

2.2 Vorarbeiten

Als Vorarbeit gilt hauptsächlich die 2006 durchgeführte Pilotuntersuchung “Laienlinguistische Konzeptionen deutscher Dialekte” (Hundt i. E.), in der in Dresden, Frankfurt/Oder, Heidelberg, Freiburg i. Br., Kiel und Erlangen je 200 Fragebogen an Studierende des Grundstudiums Germanistik verteilt wurden (verwertbarer Rücklauf ca. 70%) und die von ihrer Konzeption her gleichzeitig als Vorstudie für das beantragte Projekt herangezogen werden kann.

Erfragt wurde, welche Dialekte im Bewusstsein der befragten Laien abgerufen werden, ob und welche arealen Vorstellungen mit diesen Dialekten verbunden sind, wie weit diese Dialekte vom Standard entfernt eingestuft werden, ob sie positiv oder negativ konnotiert sind und welche sprachlichen und außersprachlichen Merkmale die Befragten mit diesen Dialektkonzepten assoziieren.

Die Befragten wurden gebeten, auf einer präparierten Karte des deutschen Sprachraums, auf der zur Orientierung einige Flüsse und größere Städte eingezeichnet waren, ihnen bekannte und voneinander unterschiedene Dialektregionen einzuzeichnen und zu benennen.

Ergänzend wurden neben einigen Sozialdaten (Alter, Herkunft, sozialer Status) außerdem die evaluativen Einschätzungen der eigenen Sprechweise, Bewertungen der nicht eigenen Sprechweisen sowie die vermuteten Fremdbewertungen zur eigenen Sprechweise in Ratings erhoben.

Die wichtigsten Ergebnisse der Pilotstudie beziehen sich erstens auf die arealen Vorstellungen wahrgenommener Dialekte und zweitens auf die assoziierten Merkmale, mit denen die Dialekte beschrieben werden. Die Ergebnisse haben insofern Konsequenzen für das beantragte Projekt, als  die objektive Auswertbarkeit handgezeichneter Karten grundsätzlich infrage gestellt wird und in diesem Zusammenhang alternative, softwaregestützte Auswertungsmethoden, mit denen die Datenmenge entsprechend der Fragestellung weiter gefiltert und aufbereitet werden kann, dringend in Erwägung gezogen werden müssen.

Ausgehend von Anders (2008a), die handgezeichnete Karten qualitativ auswertet und aufgrund der Datenvielfalt in Karten- und Kartierungstypen unterscheidet, wurden die mental maps der Pilotstudie nach Kartierungstypen und der ablesbaren Wissendifferenziertheit ausgewertet.

Unter einem Kartierungstyp versteht Anders (2008a) die Repräsentationsdichte des subjektiven Dialektraums, d.h. ob der vorgebene Raum vollständig (exhausitiv) oder unvollständig (selektiv bis autozentrisch) wiedergegeben wurde. Exhaustive Karten, in denen versucht wird, den gesamten Untersuchungsraum möglichst vollständig abzudecken, sowie Karten, in denen jeweils nur einige Gebiete eingezeichnet werden und daneben große „weiße Flecken“ bleiben (selektive Kartierung), sind vergleichsweise gut in Bezug auf die in beiden Kartentypen eingezeichneten Dialekte auszuwerten. Durch Übereinanderlegen der Karten kann man zu plausiblen laienlinguistischen Dialekträumen gelangen. Dies gelingt jedoch bei den autozentrischen Kartierungen nicht mehr in derselben Weise. Hier gehen die Probanden jeweils ausschließlich vom eigenen Standort aus und zeichnen jeweils eng von diesem aus denkend, unmittelbar angrenzende Gebiete ein. Ein Vergleich etwa über die Erhebungsorte hinweg wird so haltlos.

Anhand dieser Unterscheidung lassen sich jedoch eine Makro- von einer Mikrokartierung unterscheiden, d. h. dass der Informant den als eigen empfundenen Lebensraum (Nähebereich) meist sehr fein differenziert wahrnimmt, während er umliegende Regionen (Fernebereich) sehr großflächig oder gar nicht kartiert. Die zahreichen Dialektnennungen (insgesamt 71) haben gezeigt, dass die Befragten über ein sehr differenziertes Diskriminationsvermögen in Bezug auf ihre eigene unmittelbare Umgebung verfügen, das sich in Mikrokartierungen ablesen lässt. Die für die Befragten sprachräumlich weiter entfernten Bereiche wurden in Makrokartierungen umgesetzt, welche gröber und auch lückenhaft in Erscheinung treten und von denen 10-15 Konzepte hochfrequent sind: Bayrisch[1], Sächsisch, Schwäbisch, Berlinerisch, Plattdeutsch, Schweizerdeutsch, Hessisch, Fränkisch, Norddeutsch, Österreichisch, Kölsch, Badisch, Hochdeutsch. Überraschend ist dieses Ergebnis insofern, als eine ganze Reihe von objektiv gesehen etablierten Dialekten (z. B. Moselfränkisch oder Thüringisch) entweder gar nicht oder nur sehr rudimentär im Bewusstsein der linguistischen Laien verankert sind.

In der Frage nach den Merkmalen, die die Probanden den repräsentierten Dialekten zuschreiben, hat sich gezeigt, dass zur systematischen Auswertung der riesigen Menge an genannten Merkmalen eine Klassifikation, die spezifisch auf laienlinguistische Repräsentationen ausgerichtet ist, unerlässlich ist. Hier hat sich die erstmals von Anders (2008b) entwickelte Klassifikation mit vier Supergruppen (Lautliche Assoziationen, morphosyntaktische Assoziationen, Wortassoziationen, Aussagen zur regionalen Varietät) gut bewährt. Diese Klassifikation, die über die Supergruppen hinaus auch zahlreiche Unterklassen zur Verfügung stellt, soll auch im beantragten Projekt Anwendung finden. Die Eigenschaftszuschreibungen der Probanden belegen, dass die am häufigsten genannten Dialekte in der Bewertung polarisieren. Nur selten kann man von einer relativ flächendeckenden Ablehnung oder Bevorzugung eines Dialekts über die Probandengruppen hinweg sprechen. So sind die Kennzeichnungen zum Sächsischen etwa tendenziell eher negativ. Was die Probanden jeweils mit den Dialekten inhaltlich verbinden, ist sehr unterschiedlich. Hier hat sich in der Pilotstudie gezeigt, dass wir es mit Tendenzen zu tun haben, die die einzelnen Dialekte deutlich voneinander unterscheiden. Während z. B. beim Berlinischen lexikalische Merkmale und die Personencharakterisierungen (z.B. “icke” korreliert mit „frech“) im Vordergrund stehen, ist es beim Schweizerdeutschen die Prosodie und Artikulation (z. B. „langsam“).

Zur Bewertung der 10-15 am häufigsten genannten Dialekte kann festgehalten werden, dass diese in erster Linie auf die Befragten polarisierend wirken. Das bedeutet, dass diese 10-15 Dialektkonzepte sowohl positiv als auch negativ bewertet werden. Wenn also ein Dialekt in das Bewusstsein der linguistischen Laien getreten ist, dann gibt es sowohl positive als auch negative Bewertungen zu ihm und seinen Sprechern. Ein bloß summierendes Aufrechnen etwa der Art, wenn mehr negative Äußerungen vorliegen, dann wird der Dialekt auch insgesamt negativ gesehen, verbietet sich hier. Dies zeigen gerade die Ergebnisse für das Bayrische[2] und das Schweizerdeutsche, bei denen auf beiden Seiten der Bewertungsskala reichhaltige Äußerungen vorliegen.

Die Ergebnisse zur empfundenen Entfernung der jeweiligen Dialekte zum Hochdeutschen (subjektiv empfundener Standard) zeigen, dass diese sich nicht nach objektiv greifbaren Dialektmerkmalen ausmachen lässt, sondern ausschließlich nach der Salienz sprachlicher Merkmale. Saliente, d. h. für die Befragten auffällige Merkmale, führen dazu, dass der entsprechende Dialekt als weiter vom Hochdeutschen entfernt empfunden wird. Dabei korreliert Salienz mit Aussagen wie „schwer verständlich“, d. h. je häufiger Aussagen wie „schwer verständlich“ fallen, als umso größer wird die Distanz zum Hochdeutschen empfunden.

Aus den Ergebnissen der Pilotstudie lassen sich vier wesentliche Konsequenzen ableiten:

1) Zum einen haben die Ergebnisse gezeigt, dass laienlinguistisches Wissen über Sprache und ihre Dialekte einen reichhaltigen Fundus für eine Vielzahl wahrnehmungsdialektologischer Fragestellungen in sich birgt und weiterführende Forschungsprojekte in jedem Fall zu einem Erkenntnisgewinn über das Verständnis von Sprache, Sprachverwendung und Sprachwandel beitragen könnten.

2) Zum anderen wurde deutlich, dass in zukünftigen Untersuchungen mehr auf die Kontextspezifität der jeweiligen Wissenskonzeptionen eingegangen werden muss, womit die Durchführung von Tiefeninterviews im beantragten Projekt begründet wird.

3) Außerdem muss der Stellenwert der handgezeichneten Karten wegen der Auswertungsprobleme insofern relativiert werden, als zukünftig auch Sortierdaten (pilesorts) erhoben werden. Die Befragten werden gebeten, aus einer Reihe von Kärtchen, auf denen deutsche Städtenamen verzeichnet sind, diejenigen auszuwählen und auf einen Stapel zu legen, von denen sie glauben, dass sie sprachlich-dialektal zusammengehören. Die Auswertung der Pilesorts erfolgt mittels (nichtmetrischer) multidimensionaler Skalierung (MDS) mit anschließender hierarchischer Clusteranalyse. Die MDS erzeugt auf der Basis abgegebener Ähnlichkeitsurteile eine räumliche Konfiguration der Städte, die ein Abbild des Wahrnehmungsraums der Befragten darstellt. Dabei muss beachtet werden, dass es sich bei der Darstellung der Distanzen zwischen den Items (Städte) um Distanzen im geometrischen Raum, nicht im geografischen Raum handelt. Auf diese Weise können – zusätzlich zu den Dialekträumen, die sich aus den handgezeichneten Karten ergeben – Dialekträume rekonstruiert werden, die aufgrund der städtebezogenen Zuordnung entstanden sind. Diese Art der Erhebung hat den Vorteil, dass die so rekodierten Räume nicht nur individuelle mental maps sichtbar machen, sondern dass für ganze Probandengruppen dialektale Kernräume rekonstruiert werden können.

4) Neben den assoziierten Dialektmerkmalen sollen auch unmittelbar perzipierte Dialektmerkmale auf der Grundlage von Sprechproben erhoben werden, um den Zusammenhang von salienten Merkmalen und Stereotypisierungen eingehend zu prüfen.

Als zweite Vorarbeit für das beantragte Projekt kann die Dissertation von Anders (2008b) gelten, in der die laienlinguistischen Repräsentationen zum Obersächsischen in einer empirisch angelegten Studie untersucht wurde. Die laienlinguistische Repräsentation des Obersächsischen wird dabei als kognitiver Raum verstanden, der in seiner struktur- und inhaltsbezogenen Dimension sowie in seiner Bedeutungsdimension von den Befragten repräsentiert wird. So wurde danach gefragt, wie die Befragten den Untersuchungsraum areal nach Sprachlandschaften gliedern, mit welchen sprachlichen Merkmalen die subjektiven Dialektregionen charakterisiert werden, welche von diesen assoziierten Merkmalen auch bei Hörproben perzipiert und schließlich wie die subjektiven Dialektareale nach dem „Gefallen“ bewertet und in ihrer eingeschätzten Nähe zum Standard eingestuft werden. Zusätzlich wurden Daten zur regionalen Identifikation, Haltungen zum Dialekt allgemein sowie Einschätzungen zur eigenen Sprechweise erhoben. Durch Fragebogen und in Einzelinterviews wurden im Laufe der Jahre 2006 und 2007 insgesamt 180 Personen aus Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Südbrandenburg in sechs verschiedenen Regionen des Untersuchungsraums über ihre Wahrnehmung des Obersächsischen und die angrenzenden Regionen befragt.

Für das beantragte Projekt ist diese Arbeit insofern richtungweisend, dass nicht nur die Wahrnehmungsdialektologie hier erstmals theoretisch wie methodisch neu fundiert wird, sondern auch auf der Grundlage eines umfangreichen Datenkorpus die Wichtigkeit der Kontextspezifität von Wahrnehmungsdaten herausgearbeitet wurde und die Pilesort-Methode erfolgreich angewendet werden konnte.

Die vom 22. - 24. Mai 2008 an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel abgehaltene und von der Fritz-Thyssen-Stiftung geförderte erste größere Tagung mit internationalem Fachpublikum bildet die dritte Vorarbeit für das beantragte Projekt. In insgesamt 22 Vorträgen wurden vor allem die Probleme und Potenziale von derzeit praktizierten Methoden der perceptual dialectology diskutiert. Neben dem wissenschaftlichen Austausch bestand das Ziel der Tagung ferner darin, für die zukünftige Erforschung laienlinguistischen Alltagswissens von regionalen Varietäten richtungweisende Impulse zu liefern.

Das Themenspektrum der Vorträge reichte von Überlegungen zu mehrdimensionalen Herangehensweisen (Dennis R. Preston), wissenschaftsgeschichtlicher Spurensuche alltagstheoretischer Fragestellungen in der deutschsprachigen Dialektologie (Heinrich Löffler) über soziolinguistische Fragestellungen der Dialektbewertungen und Sprechereinstellungen sowohl in historischen Sprachstufen (Karlheinz Jakob) als auch in gegenwärtigen Sprachsituationen besonders im Hinblick auf Normkonstitutionen (Winifred Davies; Nils Langer) bis hin zu kognitiven Aspekten der Beschaffenheit des Alltagswissens über Dialekte und deren Prototypikalitätseffekte bei der Klassifikation wahrgenommener (sprachlicher) Merkmale (Helen Christen; Keith Kennetz; Christina A. Anders). Einer der Schwerpunkte dieser Tagung hat die Auseinandersetzung mit der Reproduktion von subjektiven Dialekträumen in mental maps gebildet. Während Sortierdaten weitgehend verlässliche Ergebnisse liefern, konnte bisher noch nicht geklärt werden, inwieweit die vorgegebenen Informationen auf den Grundkarten für handgezeichnete Karten die laienlinguistische Repräsentation der regionalen Konzepte beeinflussen (Alfred Lameli/ Roland Kehrein). Oftmals besteht Grund zu der Annahme, dass sprachexterne Faktoren wie der Grad der regionalen Identifikation (Ortsbezogenheit), Prestigevorstellungen und soziale Stereotypisierungen, aber auch Mobilität und individuelle Bewertungsaspekte einen Einfluss zum einen auf die Repräsentation sprachlicher Merkmale (Michael Elmentaler/ Joachim Gessinger/ Jan Wirrer; Alexandra N. Lenz), auf Hörerurteile (Christoph Purschke) und zum anderen auf die Wahrnehmung von regionalspezifischen Intonationsverläufen (Peter Gilles) haben. Der Einfluss dieser Faktoren lässt sich ferner in Visualisierungskonzepten (Raphael Berthele; Helmut Spiekermann) und dialektreflexiven Äußerungen in der Weblog-Kommunikation (Doris Tophinke/ Evelyn Ziegler) nachweisen.

Diese auf ausgewählte Aspekte zugeschnittenen Fragestellungen wurden eingerahmt von exemplarischen Ausschnitten und den ersten Ergebnissen aus derzeit laufenden Studien zur laienlingusitischen Wahrnehmung des deutschen Sprachraums (z.B. von Philipp Stöckle).

 

 

3. Projektziele

 

Projektziele:

1.) Mental maps – Makrokartierungen

     a) Makrokartierungen des gesamten deutschen Sprachraums

     b) Merkmale dialektaler Großregionen

     c) Die „weißen Flecke“ in den mental maps linguistischer Laien

2.) Mental maps – Mikrokartierungen

     a) Dokumentation der jeweiligen Mikrokartierungen im deutschen

         Sprachraum

     b) Regionen- und länderspezifischen Unterschiede

3.) Laienkonzeptualisierungen

     a) Assoziierte Merkmale der Dialekte in der laienlinguistischen Konzeptualisierung

     b) Perzipierte Merkmale der Dialekte in der laienlinguistischen Konzeptualisierung

4.) Einstellungen gegenüber deutschen Dialekten und deren Sprecher

     a) Heterostereotype zu den großräumigen Dialektlandschaften

     b) Autostereotype zu den jeweils eigenen Dialekten

5.) Salienz einzelner Merkmale und Merkmalscluster

     a) Ermittlung salienter Merkmale/ Triggermerkmale in der

         Laienkonzeptualisierung

     b) Nähe/ Distanz der jeweiligen Dialekte zum Standard im Urteil

         linguistischer Laien (Korrektheit)

6.) Laien- vs. Expertenwissen

     a) Differenzen und Übereinstimmungen zwischen Laien- und           

         Expertenwissen

     b) Funktionen der jeweiligen Kon-/ Divergenzen (Genese von

         Sprachnormen, Sprachwandel)

 

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4. Literaturhinweise

  • Anders, Christina A. (2007): Alltagswissen und Einstellungen zum Substandard am Beispiel des Obersächsischen in seiner meißnischen und osterländischen Ausprägung. In: Deutsche Sprache 02/2007, S. 173-188.
  • Anders, Christina A. (2008a): Mental Maps linguistischer Laien zum Obersächsischen. In: Christen, Helen/ Ziegler, Evelyn (Hg.): Sprechen, Schreiben, Hören. Zur Produktion und Perzeption von Dialekt und Standardsprache zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Wien: Edition Praesens, S. 203-229.
  • Anders, Christina A. (2008b): Laienlinguistische Repräsentationen zum Obersächsischen. Eine wahrnehmungsdialektologische Analyse des strukturbezogenen, inhaltsbezogenen und bedeutungsbezogenen Alltagswissens zum obersächsischen Substandard. Dissertation, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.
  • Auer, Peter (2004): Sprache, Grenze, Raum. In: Zeitschrift für Sprachwissenschaft 23/2, S. 149-179.
  • Barden, Birgit/ Großkopf, Beate (1998): Sprachliche Akkommodation und soziale Integration. Sächsische Übersiedler und Übersiedlerinnen im rhein-moselfränkischen und alemannischen Sprachraum. Tübingen: Niemeyer.
  • Berthele, Raphael (2006): Wie sieht das Berndeutsche so ungefähr aus? Über den Nutzen von Visualisierungen für die kognitive Laienlinguistik. In: Klausmann, Hubert (Hg.): Raumstrukturen im Alemannischen. Beiträge der 15. Arbeitstagung zur alemannischen Dialektologie auf Schloss Hofen, Lochau (Vorarlberg), 19.-21. September 2005. Graz-Feldkirch: Wolfgang Neugebauer Verlag, S. 163-175.
  • Christen, Helen (1998): Dialekt im Alltag. Eine empirische Untersuchung zur lokalen Komponente heutiger schweizerdeutscher Varietäten. Tübingen: Niemeyer.
  • Christen, Helen (i.E.): Was Dialektbezeichnungen und Dialektattribuierungen über alltagsweltliche Konzeptualisierungen sprachlicher Heterogenität verraten. Ersch. in: Hundt, Markus/ Lasch, Alexander/ Anders, Christina A.: Perceptual dialectology - Neue Wege der Dialektologie. Beiträge zur internationalen Fachtagung an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, 22.-24.Mai 2008. Berlin u.a.: de Gruyter. (LIT).
  • Dailey-O'Cain, Jennifer (1999): The perception of post-unification German regional speech. In: Preston, Dennis R. (Hg.): Handbook of perceptual dialectology. Vol. 1. Amsterdam, Philadelphia: John Benjamins Publishing Company, S. 227-242.
  • Herrgen, Joachim (2006): Die Dynamik der modernen Regionalsprachen. In: Voeste, Anja/ Gessinger Joachim (Hg.): Dialekt im Wandel. Perspektiven einer neuen Dialektologie. Duisburg: Red. OBST, S. 119-142.
  • Herrgen, Joachim/ Schmidt, Jürgen Erich (1985): Systemkontrast und Hörerurteil. Zwei Dialektalitätsbegriffe und die ihnen entsprechenden Meßverfahren. In: Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik 52, S. 20-42.
  • Herrgen, Joachim/ Schmidt, Jürgen Erich (i.E.): Sprachdynamik. Eine Einführung in die moderne Regionalsprachenforschung. Berlin: E. Schmidt.
  • Hofer, Lorenz (2002): Zur Dynamik urbanen Sprechens. Studien zu Spracheinstellungen und Dialektvariation im Stadtraum. Unter Mitarbeit von Beatrice Bürkli und Petra Leuenberger. Tübingen, Basel: Francke.
  • Hundt, Markus (1992): Einstellungen gegenüber dialektal gefärbter Standardsprache. Eine empirische Untersuchung zum Bairischen, Hamburgischen, Pfälzischen und Schwäbischen. (= Beiheft zur Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik 78). Stuttgart.
  • Hundt, Markus (1996): Zum Prestige gesprochener Alltagssprache: Sächsisch und Schwäbisch. In: Deutsche Sprache 24.1996, Heft 3, S. 224-249.
  • Hundt, Markus (i. E.): Bericht über die Pilotstudie „Laienlinguistische Konzeptionen deutscher Dialekte“. Ersch. in: Hundt, Markus/ Lasch, Alexander/ Anders, Christina A.: Perceptual dialectology - Neue Wege der Dialektologie. Beiträge zur internationalen Fachtagung an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, 22.-24.Mai 2008. Berlin u.a.: de Gruyter. (LIT).
  • Hundt, Markus (i. E.): Bericht über die Pilotstudie „Laienlinguistische Konzeptionen deutscher Dialekte“. Ersch. in: Hundt, Markus/ Lasch, Alexander/ Anders, Christina A.: Perceptual dialectology - Neue Wege der Dialektologie. Beiträge zur internationalen Fachtagung an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, 22.-24.Mai 2008. Berlin u.a.: de Gruyter. (LIT).
  • Hundt, Markus/ Anders, Christina A. (i.E.): Die deutschen Dialekte aus der Sicht linguistischer Laien. Ersch. in: Henn-Memmesheimer, Beate/Franz, Joachim (Hgg.): Die Ordnung des Standard und die Differenzierung der Diskurse. Akten des 41. Linguistischen Kolloquiums in Mannheim 2006. Frankfurt a. M.: Peter Lang.
  • Hundt, Markus/ Anders, Christina A. (i.E.): Die deutschen Dialekte aus der Sicht linguistischer Laien. Ersch. in: Henn-Memmesheimer, Beate/Franz, Joachim (Hgg.): Die Ordnung des Standard und die Differenzierung der Diskurse. Akten des 41. Linguistischen Kolloquiums in Mannheim 2006. Frankfurt a. M.: Peter Lang.
  • Hundt, Markus/ Lasch, Alexander/ Anders, Christina A. (i.V.): Perceptual dialectology - Neue Wege der Dialektologie. Beiträge zur internationalen Fachtagung an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, 22.-24.Mai 2008. Berlin u.a.: de Gruyter. (LIT).
  • Kehrein, Roland/ Lameli, Alfred/ Purschke, Christoph (2008): Stimulus und Kognition. Zur Aktivierung mentaler Raumbilder. In: Linguistik online 35, 3/2008.
  • Kennetz, Keith E. (2008): German and German Disunity: an investigation into the cognitive patterns and perceptions of language in post-unified Germany. A Dissertation Submitted to the Graduate Faculty of The University of Georgia, Athens (GA).
  • Knox, Paul L./ Marston, Sallie A. (2001): Humangeographie. Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag.
  • Löffler, Heinrich (1986): Sind Soziolekte neue Dialekte? Zum Aufgabenfeld einer nachsoziolinguistischen Dialektologie. In: Schöne, Albrecht (Hg.): Kontroversen, alte und neue. Akten des VII. Internationalen Germanistenkongresses. Göttingen 1985. Tübigen: Niemeyer, S. 232-239.
  • Löffler, Heinrich (1998): Dialekt und regionale Identität. Neue Aufgaben für die Dialektforschung. In: Ernst, Peter/ Wiesinger, Peter (Hg.): Deutsche Sprache in Raum und Zeit. Festschrift für Peter Wiesinger zum 60. Geburtstag. Wien: Edition Praesens, S. 71-85.
  • Mattheier, Klaus J. (1985): Dialektologie der Dialektsprecher. In: Germanistische Mitteilungen 21, S. 47-67.
  • Mattheier, Klaus J. (1994): Varietätenzensus. Über die Möglichkeit, die Verbreitung und Verwendung von Sprachvarietäten in Deutschland festzustellen. In: Mattheier, Klaus J./ Wiesinger Peter (Hg.): Dialektologie des Deutschen. Forschungsstand und Entwicklungstendenzen. Tübingen: Niemeyer, S. 413-442.
  • Ziegler, Evelyn (1996): Sprachgebrauch, Sprachvariation, Sprachwissen. Eine Familienfallstudie. Frankfurt am Main, New York: Lang.

  


[1]    Diese Bezeichnungen zielen jeweils auf die laienlinguistischen Konzeptionen, die sich von den wissenschaftlichen oft deutlich unterscheiden. Deshalb werden auch die laienlinguistischen Benennungen (z. B. Bayerisch) und nicht die  aus der traditionellen Dialektologie überlieferten (hier: Bairisch) übernommen.

[2]    Laienlinguistisches Konzept, vgl. vorherige Anmerkung.