Projekt Prof. Dr. Jörg Kilian

Prof. Dr. Jörg Kilian:

"Arealität und Sozialität in zeitsynchroner dialogischer Kommunikation mit Hilfe neuer Kommunikationstechnologien"


Ziel des Projekts ist es, Erkenntnisse zu erhalten über mögliche Korrelationen zwischen areal geprägter Schriftlichkeit in den neuen Medien, soziolinguistischen Parametern der Schreibenden und kognitionslinguistischen Aspekten des Schrifterwerbs und der Schreibkompetenz. Aus dieser Perspektive werden weniger die zumeist beschriebenen kommunikativ-pragmatischen Funktionen, viel mehr Ursachen und mögliche Auswirkungen der Verschriftung regional umgangssprachlicher und mundartlicher Strukturen in den Blick genommen, und zwar a) in Bezug auf die deutsche Schriftsprache, mithin auf die Entwicklung eines schriftsprachlichen Varietätengefüges des Deutschen, und b) in Bezug auf die schriftsprachliche Kompetenz von Schreibenden und deren Entwicklung.

Die gegenwärtig dominanten Fragestellungen der Arbeit im Projekt im Rahmen des Forschungszentrums nehmen von folgenden drei Arbeitshypothesen ihren Ausgang und sollen u.a. auf der Grundlage von Korpusanalysen und Befragungen einer Beantwortung zugeführt werden:

1. These(n) zu: Arealität und Sozialität (auch in ihrer Bezugnahme aufeinander)

Während ältere Zeugnisse zur Verschriftung substandardsprachlicher Strukturen indexikalische Hinweise auf areale und – damit verknüpfte – soziale Herkünfte der Schreibenden geben (z.B. in Form phonetisch orientierter Verschriftungen durch Schriftunkundige), sind neuere substandardsprachliche Verschriftungen in privatsprachlicher Kommunikation mit Hilfe der neuen Medien oft bewusst areal, mithin gar basis-, zumeist verkehrsdialektal (besonders südlich der Benrather Linie, vgl. z.B. IRC #mannheim) gestaltet. Sie scheinen allerdings nicht mehr symptomfunktional im Sinne der überkommenen proto- bzw. stereotypischen sozialen Merkmale von Dialektsprechern zu lesen zu sein, sondern kehren diese mithin um: In den neuen Medien bewusst dialektal Schreibende sind grundsätzlich jung, aufstiegsorientiert, nicht ortsloyal, mobil; sie besitzen eine gute Schulbildung, arbeiten nicht handwerklich. 

2. These(n) zu Normen und Varietäten

Als „funktionale Schriftsprachvarianten“ (Peter Schlobinski) sind areal geprägte Verschriftungen keine freien „Pidgins“ oder „Sondersprachen des Internets“, sondern strategische Adaptationen sprachlicher Stile und Register, die vordem grundsätzlich nur mündlich realisiert wurden, an das schriftliche Medium. Dabei wird, zumal in privaten Kommunikationsakten, die Verschriftung dialektaler und regional-umgangssprachlicher Strukturen indexikalisch mit „nähesprachlichen“ Markierungsfunktionen verknüpft (differenziert nach Redekonstellationstypen). Die weitere sprachhistorische Entwicklung wird zur Herausbildung und Etablierung eines mit subsistenten normativen Grenzen versehenen Varietätenraums der geschriebenen Sprache führen, wie er für die gesprochene Sprache bereits existiert. Dabei ist davon auszugehen, dass für die Schriftsprachvarianten auch areal je unterschiedlich gefügte schriftsprachliche Normen ausgebildet werden (die sich insgesamt aber innerhalb des für das Deutsche geltenden Systems der Phonem-Graphem-Beziehungen und morphosyntaktischen Strukturen bewegen werden). 

3. These(n) zu Wissenstypen

Die aus strategischen Gründen erfolgende Verschriftung von Dialekten und regionalen Umgangssprachen setzt grundsätzliche Einsichten in die graphematische, grammatische und orthographische Kodierung der geschriebenen deutschen Standardsprache – und ihrer Kodifikation – ebenso voraus wie eine Kompetenz zur „nähesprachlichen“ Bewertung, mithin Umwertung der davon abweichenden Strukturen. Vor diesem Hintergrund muss ein zumindest implizites deklaratives Wissen sowie ein verfügbares prozedurales Wissen in Bezug auf die bewusste Produktion von der Standardschriftsprache abweichender dialektaler bzw. regionalsprachlicher Verschriftungen angenommen werden, des Weiteren ein zumindest implizites Wissen über konventionelle Symptomfunktionen dieser Verschriftungen. Es ist allerdings auch mit einer Kehrseite zu rechnen: Schreiberinnen und Schreiber, die über dieses deklarative und prozedurale Wissen nicht verfügen, können Abweichungen von der geschriebenen deutschen Standardsprache oft nicht als solche und zumal nicht als strategisch eingesetzte erkennen. Aufgrund von Unsicherheiten oder Wissensdefiziten (d.h. dann: als Indexe graphematischer, grammatischer wie auch orthographischer Schwierigkeiten) kann es zur kognitiven Verstärkung solcher Abweichungen im Sinne ihrer Verbuchung als standardschriftsprachlicher Normschreibung kommen – oder auch zu einem Rückzug von der Schrift im Raum der öffentlichen schriftsprachlichen Kommunikation. 

Zum Thema:

Deutschlandradio Kultur, Interview über Schriftsprache in E-Mails mit Jörg Kilian am 3.8.2009       mp3

Eigene Vorarbeiten:

  • Kilian, Jörg: Gespräche im Computer-Zeitalter - Kommunikation und Kultur?, in: Seminar – Lehrerbildung und Schule 2, 1998, 72-77.
  • Kilian, Jörg: Literarische Gespräche – online. Facetten des „dramatischen Dialogs“ im Computer-Alltag, in: Zeitschrift für germanistische Linguistik 28, 2000, 223-236.
  • Kilian, Jörg: T@stentöne. Geschriebene Umgangssprache in computervermittelter Kommunikation. Historisch-kritische Ergänzungen zu einem neuen Feld der linguistischen Forschung, in: Michael Beißwenger (Hrsg.): Chat-Kommunikation. Sprache, Interaktion, Sozialität & Identität in synchroner computervermittelter Kommunikation. Perspektiven auf ein interdisziplinäres Forschungsfeld, Stuttgart 2001, 55-78.
  • Kilian, Jörg: Grammatik im digitalen Dialog. Zur Qualität des dialogischen Transfers grammatischen Wissens in interaktiven Lehr-Lernprogrammen für DaF, in: Gerd Antos/Tilo Weber (Hrsg.): Transferqualität. Bedingungen und Voraussetzungen für Effektivität, Effizienz, Erfolg des Wissenstransfers, Frankfurt/M. 2005, 193-222.
  • Kilian, Jörg: DaF im Chat. Zur Grammatik geschriebener Umgangssprachen als Ergänzung zum Erwerb standardsprachlichen Wissens, in: Michael Beißwenger/Angelika Storrer (Hrsg.): Chat-Kommunikation in Beruf, Bildung und Medien: Konzepte – Werkzeuge – Anwendungsfelder, Stuttgart 2005, 201-220.
  • Kilian, Jörg: Standardnorm versus „Parlando“ in Schüler/innen-Chats. Kontrastiv-kritische Spracharbeit im Bereich mündlich und schriftlich entfalteter Schriftlichkeit, in: Eva Neuland (Hrsg.): Sprachkritik (= Der Deutschunterricht 58, 2006, H. 4), Seelze, 74-83.