Projekt 1 Prof. Dr. Norbert Nübler

Prof. Dr. Norbert Nübler:

"Entstehungsgeschichte slavischer Standardsprachen im jeweiligen kulturellen Kontext"

 

Aufbauend auf den Ansätzen des Prager Linguistenkreises und der v.a. von B. Havránek und V. Mathesius entwickelten Theorie der Standardsprache ist zu hinterfragen, wie es zur Entstehung von Standardsprachen kommt ,wie diese ursprünglich konzipiert waren und welche Faktoren die jeweilige Konzeption beeinflusst haben. Der Entstehungsprozess einer Sprachnorm setzt in den slavischen Ländern im 18. Jahrhundert ein. In vielen Fällen ist er eng verbunden mit dem Prozess der Nationenbildung. Erst im Verlaufe der Sprachnormierung klärt sich für zahlreiche Bevölkerungsgruppen Osteuropas (insbesondere in sprachlichen und politischen Übergangsregionen), welchem "Volk" oder welcher "Nation" sie zuzurechnen sind. Als Beispiele wären hier etwa die Schlesier anzuführen, die - soweit sie nicht völlig germanisiert waren - sprachlich im Übergangsbereich zwischen dem Polnischen und Tschechischen anzusiedeln sind oder auch die Sprecherinnen und Sprecher der kajkavischen Dialekte des Kroatischen, für die lange zeit umstritten war, ob sie als Kroaten oder als Slowenen zu gelten hätten. In diesem Sinne tragen die Standardsprachen wesentlich dazu bei, die im heutigen Europa üblichen "Areale" erst zu schaffen. Bei der Schaffung sprachlicher Normen stehen klassizistische Konzeptionen (auf ein "goldenes Zeitalter" in der Vergangenheit gerichtete) Normierungskonzepte eher romantischen (unter dem Schlagwort "schreib wie du sprichst!" propagierten) Ansätzen gegenüber. In Standardsprachen, deren Normierung erst am ende des 10. oder im 20. Jahrhundert erfolgte, zeigen sich auch positivistische Einflüsse oder Einflüsse bestimmter linguistischer Schulen (etwa der junggrammatischen Schule beim Polnischen). Darüber hinaus finden wir dialektbasierte Sprachnormen (wie etwa in Russland, wo der Hauptstadtdialekt die Grundlage der Standardsprache bildet) im Gegensatz zu überdialektalen Standards (wie etwa in Polen). Zu untersuchen sind darüber hinaus Konzeptionen, die aus heutiger Sicht als "übernational" charakterisiert werden müssen. Dazu gehören panslavische Ansätze (die etwa das Russische oder das Altkirchenslavische als Standardsprache aller Slaven propagierten), austroslavische Konzeptionen (mit dem Plan einer gemeinsamen Sprache für alle Slaven der österreichischen Monarchie, also für Tschechen, Slowaken, Slowenen und Kroaten mit Auswirkungen auf das Serbische und das Ukrainische), die nicht realisierte tschecho-slowakische Konzeption sowie die für 150 Jahre Realität gewordene serbo-kroatische Konzeption.