Ringvorlesung 2016: Sprachmischung – Mischsprachen: Vom Nutzen und Nachteil gegenseitiger Sprachbeeinflussung


Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Sommersemester 2015
dienstags, 18–20 Uhr, OS 75,
Olshausenstraße 75, Hans-Heinrich-Driftmann-Hörsaal (ehem. Hörsaal 3)
Ausnahme: am 26.4.2016: OS 75, Hörsaal 1
 

Sprachen stehen und standen immer mit anderen Sprachen in Kontakt. Sie übernehmen (von ihnen) Wörter, syntaktische Strukturen, Textmuster, kommunikative Praktiken und Handlungsmuster. Man könnte in gewissem Sinne sagen, dass alle natürlichen Sprachen, die uns noch zugänglich sind, zumindest zu einem kleinen Teil Mischsprachen sind, da keine einzige ihre Reinform ‚unvermischt‘ bewahren konnte.

Damit stellt sich die Frage, ab wann es sinnvoll und heuristisch fruchtbar ist, von einer Mischsprache zu sprechen. Zu unterscheiden ist zwischen Übernahmen, die so einschneidend sind, dass sie die sprachsystematischen Grundlagen der nehmenden Sprachen verändern, und Übernahmen, die eher Erweiterungen und Ergänzungen der Systeme der aufnehmenden Sprachen darstellen. Des Weiteren ist die Perspektive der Nehmersprachen um die der Gebersprachen zu erweitern: Haben Sprachmischungen auch für die Gebersprachen Konsequenzen und wenn ja, wie lassen sich diese Konsequenzen systematisch erfassen? Wie kann man im Falle von Mischsprachen zwischen Geber- und Nehmersprachen unterscheiden?

Die Entstehung von Mischsprachen und Sprachmischungen ist ein Phänomen des Sprachwandels (zumindest im Kleinen). Damit stellt sich die Frage, inwiefern dieser Wandel von den Sprechern bemerkt wird, inwiefern er sogar bewusst gesteuert wird und wie der bewusst wahrgenommene oder gelenkte Sprachwandel von den Sprechern bewertet wird.

In der Ringvorlesung werden verschiedene Aspekte des Themas „Sprachmischung – Mischsprachen“ behandelt. Folgende Fragen stehen dabei im Zentrum des Interesses:

  • Gibt es Mischsprachen und wie sind diese definiert?
  • Welche Formen von Sprachmischungen treten in den Sprachen der Welt auf?
  • Welche Typen von Sprachmischungen gibt es innerhalb einer Einzelsprache, z.B. in arealen, sozialen und situativen Kontexten (Regiolekte, Soziolekte, Fachsprachen u.a.)?
  • Wie entstehen Sprachmischungen im Diskurs, d.h. welchen Einfluss haben Code-mixing, Code-switching und Code-shifting?
  • Welche Erkenntnisse über Sprachmischungen und deren Bewertungen lassen sich aus der Sprachgeschichte gewinnen? Welche Gründe gibt es für Entlehnungen aus anderen Sprachen? Wie nachhaltig sind sie? Welche Vorteile und ggf. Nachteile können sie für die Systeme der Nehmersprachen haben?
  • Wie etablieren sich strukturelle oder gar systematische Veränderungen (Morphologie, Konstruktionen)? Wie lässt sich in diesen Fällen überhaupt ein Einfluss anderer Sprachen zweifelsfrei nachweisen?
  • Wie werden Sprachmischungen und Mischsprachen von Spezialisten (z.B. Wissenschaftlern) und von der Öffentlichkeit bewertet? Welche Formen und Inhalte der Sprachmischungen werden von der publizistischen und wissenschaftlichen Sprachkritik thematisiert, und wie lassen sich die z.T. vehementen emotionalen Abwehrreaktionen auf Sprachmischungen erklären?
  • Inwieweit entstehen durch Übersetzungen Sprachmischungen oder sogar Mischsprachen? Beispiele sind etwa das christliche Latein, das aus den hebraisierenden bzw. gräzisierenden Bibelübersetzungen entsteht, oder das Luther’sche Bibeldeutsch.
  • Wie werden Sprachmischungen in verschiedenen literarischen Gattungen und Medien eingesetzt, um bestimmte ästhetische Effekte zu erzielen? Ein berühmtes Beispiel ist die makkaronische Dichtung der frühen Neuzeit.

 

Die Ringvorlesung richtet sich an ein breites Publikum, einschließlich BA- und MA-Studierende, Doktoranden, andere Wissenschaftler und die interessierte Öffentlichkeit.